oleksiy koval

RHYTHMUS IM FUSSBALL, IN DER MALEREI UND DER MUSIK

In ESSAYS on December 5, 2009 at 12:13 am

“Liebe nur die Spiele und den Tanz.
Suche in allem nur den Rhythmus.”
Magallon

Ich erinnere mich oft an den Herbst 1997, an die UEFA Champions League und besonderes an zwei Spiele: Dynamo Kiew gegen Barcelona und Barcelona gegen Dynamo Kiew. Beide Spiele hat Dynamo Kiew gewonnen: 3:0 in Kiew und 0:4 in Barcelona. Ich schreibe über diese zwei Spiele nicht nur deswegen, weil Kiew 7 Tore erzielt hat und Barcelona in 180 Spielminuten keines gelang, sondern weil mich die Art und Weise wie Kiew spielte beeindruckt hat.

Im Januar 1997 kehrte Trainer Lobanovskiy, aus Kuwait zu Dynamo Kiew zurück. Der Club befand sich damals in einer tiefen Krise. Aber dem ukrainischen Fußball-Trainer gelingt es schon im selben Jahr, Kiew an die Spitze des europäischen Fußballs zurückzubringen. Grund für diese Erfolge war eine besondere Spielweise, die Valeriy Lobanovskiy selber als Universal-Fußball bezeichnete – im Gegensatz zu Europäischen “Fußballphilosophien”, wo das wesentliche in einer Liste von durchaus komplexen Strategien und Taktiken liegt. Lobanovkiy’s Unternehmen ist wirklich eine Philosophie, die sich aus einer Art osteuropäischer Beschaulichkeit herleitet. Valeriy Lobanovskiy betrachtete Fussball als physischen Prozess, an dem zwei kritische Massen teilnehmen. Die Aufgabe diese Massen heisst: Raum ergreifen und kontrollieren. Kontrolle bedeutet dabei nicht unbedingt Räume zu besitzen, sondern dem Gegner den Spielrhythmus aufzuzwingen. Das Wesen des Fussballspiels liegt nach Lobanvskiy im permanenten Pressing, an dem alle Spieler teilzunehmen haben. Valeriy Lobanovskiy sagte: “Wir haben keine Stars in der Mannschaft, wir bauen eine Starmannschaft.”

Ich interessiere mich als Maler für Fussball, weil sich für mich Malerei und Fussballspiel in einem Verhältnis der Ähnlichkeit bewegen. Ich betrachte die Malerei in gewisser Weise als meinen Gegner. Um zu gewinnen, muss der Maler Fläche, Licht, Raum und Zeit ergreifen und kontrollieren. Genauso wie es beim Fussballspiel geschieht, suche ich den Rhythmus in der Malerei.

Im Buch “Gespräche mit Cezanne”, im Kapitel “Bekenntnisse” ist eine Umfrage, eine Art Gesellschaftsspiel abgedruckt, an dem Paul Cezanne teilgenommen hat. Unter anderen erscheint da die Frage nach dem Ideal irdischen Glücks. Der Maler antwortet: “Eine schöne Formel haben”.

Vor Cezanne waren Licht und Raum die Grundformen in der Malerei. Paul Cezanne war aber überzeugt, dass Licht und Raum nur alte Darstellungsformeln sind, die mit Malerei nichts zu tun haben. Im Brief an Emile Bernard von 23. Dezember 1904 schreibt Cezanne: “Das Licht existiert also nicht für den Maler. Solange wir notgedrungen vom Schwarzen zum Weißen übergehen, … so lange bleiben wir stecken und bringen es nicht zur eigenen Meisterschaft, besitzen wir uns nicht.” Im Gespräch mit Joachim Gasquet äussert sich Cezanne dazu noch über den Raum: “Ich möchte … den Raum und die Zeit malen, damit sie die Formen der Farbempfindungen werden, denn ich stelle mir manchmal die Farben vor als große noumenale Entitäten, als leibhaftige Ideen, Wesen der reinen Vernunft, mit denen wir in Beziehung treten können. Die Natur ist nicht an der Oberfläche, sie ist in der Tiefe. Die Farben sind Ausdruck dieser Tiefe an der Oberfläche. Sie steigen aus den Wurzeln der Welt auf, sie sind ihr Leben, das Leben der Idee.”

Als ein herausragendes Beispiel dafür, wie Paul Cezanne durch Farbe und Rhythmus Zeit, Raum und Licht in den Griff bekommen hat, nehme ich das Gemälde von 1902-06 Mont Sainte-Victoire von Les Lauves aus gesehen, das im Kunsthaus Zürich zu sehen ist. Cezanne missachtet den Raum und macht sich keine Gedanken über Vordergrund- und Hintergrundsysteme, er stellt kein Lichtkonstrukt dar. Das Gemälde ist flach. Cezanne konzentriert sich auf die rhythmische Farbmodullierung. Die Farbe gibt die Tiefe und das Licht des Werkes wieder. Cezanne bringt die Farbe sehr schnell mit kurzen Pinselstrichen auf die Leinwand und so ergreift und kontrolliert er die Fläche. Der Berg, der Himmel und die Landschaft entstehen instantan.

Im Sommer 1957 reist der deutsche Philosoph Martin Heidegger nach Südfrankreich und besucht den Geburtsort des Malers: „Wenn einer so unmittelbar denken könnte, wie Cezanne malte!“

Seit 2000 setze ich mich mit den Werken des US-amerikanischen Musikers, Alt-Saxophonisten, Bandleaders und Komponisten Steve Coleman auseinander. Mich faszinieren an Coleman’s Musik vor allem seine rhythmischen Formen und die Art und Weise, wie er diese variiert. Wie Lobanovskiy’s Dynamo von Verteidigung zum Angriff, oder Cezanne’s Malerei von Weiß zu Schwarz übergeht, so gehen Steve Coleman’s Bands rhythmisch von Stille zu Sound über. In einem Interview sagte Steve Coleman, er wolle das Erkennen der “natürlicher Rhythmen des Universums” ausdrücken.

Im Sommer 2008 habe ich Steve Coleman im Night Club des Hotels Bayerischer Hof in München mit zwei Bands live gehört. Der Altsaxophonist und seine Five Elements aus New-York trafen auf die Rapper des Hip-Hop-Kollektivs Opus Akoben aus Washington. Steve Coleman sagte über dieses Projekt: “Ich betrachte Musik nicht in Begriffen von Stilen, Bezeichnungen und Kategorien. Das meiste von dem, was die Leute Hip-Hop nennen, mag ich überhaupt nicht. Die Perspektive, von der ich herkomme, ist, dass es in der „schwarzen“ Community – und das ist wirklich allgemein – zwei Ströme der Musik gibt: die eher verfeinerten [sophisticated] Formen und die weniger verfeinerten Formen. … Das heißt nicht, dass verfeinert notwendigerweise besser ist als nicht verfeinert, aber es zieht einen in der Regel das eine oder das andere an … Hip-Hop ist der Blues von heute, soweit es mich betrifft. Ich meine nicht, dass er wie der Blues ist, aber er ist vom selben Impuls geprägt, sofern er nicht zu kommerzialisiert ist … Meine Herausforderung war, Musiker aus diesem Bereich zu finden, die nicht verfeinert oder trainiert sind und noch diesen Impuls haben … Ich wollte Leute, die hauptsächlich etwas vom Gefühls-Aspekt her machen, die aber doch an Kreativität interessiert sind und nicht in dieser „Ich möchte der nächste Jay-Z sein“-Idee gefangen sind…”

Coleman ist es gelungen, durch eine komplexe Rhythmik aus zwei Bands Eines zu machen. Die Musiker spielten eigene Rhythmen in unterschiedlichen Zyklen. Die Zyklen trafen sich und gingen wieder auseinander. Diese Schwankungen wurden noch durch intensiven Groove unterstützt. Dieser wechselte in einem Wahnsinnstempo von leise und langsam zu laut und schnell. Die Musiker haben auf die sich verändernden musikalischen Bedingungen reflexartig reagiert, ohne dabei die Balance der Band zu verlieren. Coleman’s rhythmische Strukturen ermöglichen ein kreatives Improvisieren, das unser Raum- und Zeitgefühl außer Kraft setzt.

Laß Raum, laß Zeit,
auch Bilder meide!
Geh ohne Weg
den schmalen Steg,
so kommst du zu der Wüste Spur.”

aus dem Lied “Granum sinapis”, Meister Eckhart

Besonderen Dank für die Hilfe bei der Realisierung dieses Textes an Caliostro (www.dynamo.kiev.ua), Manfred Mayer (www.jazzseite.at) und Prof. Bernhard Lypp

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